Medienrevolution versus „Deutungsposen vor symbolisch grünem Blattwerk“

Kommt, seht das Blut in den Strassen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Strassen!

Aus einem Gedicht von Pablo Neruda; zitiert in der Nobelpreisrede von Harold Pinter „Kunst, Wahrheit und Politik“

Was in der Kunst längst Praxis ist, am Musikmarkt ebenfalls, erreicht nun auch den Journalismus, alte Strukturen („Bewährt oder erstarrt? – Das ist die Frage“) werden vom Tisch gewischt, finden sich selbst staunend ob ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit wieder… Als ich gestern das, mit großen Worten angekündigte ORF-Weltjournal ansah, hatte ich das Gefühl, eine Wiederholung einer älteren Sendung zu sehen.
Und vor allem, das Monopol derer, die alle anderen außer sich selbst, der Medienmanipulation verdächtigen, wankt! Gut so!

„Ob die Volkserhebung der Iraner gegen den Wahlbetrug vom 12. Juni eine blutig niedergeschlagene Revolte bleibt, ist derzeit noch die unklare, jedes Freiheitsbewusstsein aufrührende Frage. Dass sie eine Medienrevolution bedeutet, ist dagegen gewiss. Während der professionelle Journalismus von der Straße gedrängt wird und sich mit Deutungsposen im Studio oder vor symbolisch grünem Buschwerk begnügen muss, füllt die ausschließlich nutzergesteuerte Nachricht die Lücke – und triumphiert wie nie zuvor. Community schlägt Hierarchie. Kommunikation ist Information. Fortan gilt: Diktaturen, die die freie Berichterstattung fürchten und durch Anwendung von Gewalt zu zerstören suchen, machen sich mit ihren Text- und Bilderverboten nur noch lächerlich. Und der Begriff „Nachrichtensperre“ gehört ins Lexikon der toten Wörter.

Hinzu kommt: Das klassische Glaubwürdigkeitsproblem, das die massenhaft anonym ins Netz gestellten Wirklichkeitspixel in Sachen Quellenlage haben, machen sie durch ihre unmittelbare ästhetische Plausibilität mehr als wett. Wo in Nachrichtenbeiträgen vom kommentierenden Text bis zur Bildmontage mit journalistischen Codes gearbeitet wird, überzeugen die Mini-News gerade durch das schmucklose, schnell hochgeladene und eben nicht komponierend gearbeitete Bild – mit ungeschnittenen Augenzeugenszenen, deren Kadrierung ebenso Nebensache ist wie die Bildschärfe oder die Qualität des Tons. Diese Instant-Dokus in Realzeit, so zufällig krude wie das einstige Direct Cinema absichtsvoll krude war, überrennen geradezu jeden kritischen Vorbehalt gegen ihre stets auch technisch mögliche Manipulierbarkeit. Das mag im derzeitigen historischen Augenblick gefährlich finden, wer will; zuallererst ist es befreiend„.

Quelle: DIE ZEIT – Online vom 25.06.2009

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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