„Ausländerproblematik“ ist nur ein Wort

Zwei österreichische Filme sind derzeit im Kino zu sehen, die die sogenannte „Ausländerproblematik“ behandeln: „Little Alien“ von Nina Kusturica und „Gurbet“ (In der Fremde) von Kenan Kilic.

Bei allem, was diese beiden Filme unterscheidet, ist ihnen doch etwas gemeinsam, sie bieten einen erhellenden Einblick in eine Welt, die den meisten von uns verschlossen bleibt.

Einige subjektive Anmerkungen:

… erneut die Erkenntnis, dass man nichts von seinen NachbarInnen weiß, obwohl man Tür an Tür mit ihnen wohnt (wie wir z.B. hier in Ottrakring). Erschreckend, dass das (Nicht- bzw. Halb-) Wissen auch in aufgeklärt-liberalen Kreisen von Vorurteilen und Klischees genährt wird.  Wir reden hier nicht, wie üblich, von den sogenannten „bildungsfernen Schichten“.

Das Wort „Ausländerproblematik“ besteht nicht aus Fleisch und Blut, Tränen und Zorn, sondern aus Buchstaben, und wird deshalb so gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit verwendet.

Die Menschen, die hier einfühlsam gezeigt werden, wurden als Arbeitskräfte verwendet oder benützt (Gurbet) bzw. werden als Spielball politischer Interessen hin und her geschoben, misshandelt, missachtet, ignoriert (Little Alien).

Gurbet hat in mir eine Hochachtung für jene Menschen erzeugt, die in großer Verantwortung für die eigene Familie eine hartes Leben gelebt haben und sich dennoch Weitblick, Humor und Sensibilität bewahrt haben, ohne jemals in Selbstmitleid bzw. Missgunst oder Hass auf andere zu verfallen. Und es hat sich mir ein Ausblick auf einen Islam geöffnet, der weit toleranter ist als manch seiner Mitbewerber.

Little Alien zeigt wie in Europa mit Kindern umgegangen wird, solange es nicht die eigenen sind. Erwachsene Männer und Frauen, selbst Mütter und Väter, im Vollbesitz ihrer geistigen Kapazitäten (sollte man annehmen!?) lassen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge jahrelang in Ungewissheit über ihre Zukunft. Dieselben (Un-) Verantwortlichen schieben Kinder ab, beispielsweise nach Griechenland, wo sie ein trostloses Dasein auf der Straße erwartet, unterbrochen nur von unmotivierten Misshandlungen einer sadistischen Exekutive. Little Alien zeigt auch, dass manchen dieser Kinder und Jugendlichen ihre Hoffnung und ihren Mut bewahren trotz aller Widerstände. Viele zerbrechen daran.

Jeder weiss das – Niemand tut etwas dagegen. Warum auch? „Ausländerproblematik“ ist nur ein Wort! Die Banalität des Bösen? Sind die „Aliens“ auch schuld an der Weltwirtschaftskrise? Wäre mit der Abschiebung aller Menschen mit sogenanntem“ Migrations-Hintergrund“ irgend etwas bewirkt?

Griechenland ist nicht aus der Welt, im Gegenteil, es ist ist wie Österreich ein EU-Staat, Teil eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes. Welches wirtschaftliche Problem soll denn durch diese Binnen-Verschiebung  gelöst werden? Das sind doch alles faule Ausreden. Aus dem Auge aus dem Sinn, so lautet die Devise. Dann wird alles wieder gut, und wenn sie nicht gestorben sind… Ja was? Kommen sie dann wieder? Als Zombies in einer langen Nacht der lebenden Toten? „Seid auf der Hut, Xenophobe aller Couleur, Griechenland ist nicht so weit entfernt und wer nichts mehr zu verlieren hat… Alles kommt zweimal, einmal in seiner harmloseren Variante, einmal in der anderen Version“.

Ich hoffe, dass beide Filme nicht nur ein Publikum erreichen werden, das diesbezüglich „eh schon alles weiß“. Aber auch für mich als „diesbezüglich eh schon manches Wissender“ boten beide Filme eine Menge an Neuem und Überraschendem. Und vor allem, ohne die übliche Betroffenheits-Keule.            Man bekommt einerseits eine Wut im Bauch und anderseits Lust, was zu tun.

Hier zwei Adressen:

Connecting People – Patenschaften für unbegleitete minderjährige und junge erwachsene Flüchtlinge
lobby.16 – Unterstützung für unbegleitete junge Flüchtlinge – Bildung Arbeit Alltag

Nina Kusturica wird ihren Film in Rahmen von „Schul on Tour“ auch an Schulen zeigen und mit den SchülerInnen in einen Dialog treten.

Abschließend ein Zitat aus dem Leserforum einer österreichischen Qualitäts-Tageszeitung anlässlich der Besprechung von „Little Alien“, wo sogar das Bleiberecht der Filmemacherin in Frage gestellt wird:

Kommentare:
was macht die noch hier

es hat doch geheissen die werden nur bis Kriegsende aufgenommen

Re: was macht die noch hier

Es ist relativ offensichtlich was „die“, nennen wir sie mal beim Namen, Nina Kusturica hier macht: Aufbauarbeit!

Little Alien – Ein Film von Nina Kusturica
Gurbet (In der Fremde) – Ein Film von Kenan Kilic

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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6 Antworten zu „Ausländerproblematik“ ist nur ein Wort

  1. Pingback: Du soll dir (k)ein Bild machen?! « Klaus Karlbauer; Multimedia-Künstler

  2. alex schreibt:

    zombies… ein gutes, weil zutreffendes „tag“.

  3. Klaus Karlbauer schreibt:

    Na Ja, wenn sich diese Anti-Ausländer-Hysterie weiter bis ins Unendliche steigert, dann wird in den Pässen von Ausländern das Wort „Alien“ vielleicht bald durch „Zombie“ ersetzt werden. Warte nur darauf, bis der Zahntechniker den Antrag stellt, allen Nicht-Österreichern die Reisepässe zu entziehen!

  4. Es freut mich immer wieder, dass es in Österreich, im Lande der Solariumfetischisten noch Menschen gibt.

  5. Pingback: GENUG ist GENUG! – Für eine menschenwürdige Asylpolitik « Karlbauerblog

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