„Feelings, Frühling, Proljece…“ – Box die Integrationsdebatte

Das ist ein Kommentar zum Kommentar der Anderen am 10.11.10: „Schluss mit der Integrationsdebatte“ (derStandard)


Als Mitglied eines Wiener Kultur- und Sportvereines, Untergruppe Boxen, möchte ich, anstatt Debatten zu prolongieren, über meine praktischen Erfahrungen und Erlebnisse berichten, in einer Gruppe der Einzige „ohne Migrationshintergrund“ zu sein, von meiner kärntnerischen Abstammung einmal abgesehen. „Migrationshintergrund“, was ist das überhaupt? Etwas Unberührbares? Ein Fetzen Stoff, der uns bei der Geburt ans Kleid genäht wurde? Werden wir dadurch (in) der Öffentlichkeit gekennzeichnet wie Parzival und andere Narren durch ihr Kostüm? Wird damit die eigene Verletzlichkeit sichtbar gemacht wie bei Siegfried, dem ansonsten Unbesiegbaren? Oder ist es eine Tapete, die man ständig mit sich herumträgt, in die man sich einwickeln kann wie amerikanische Patrioten in die amerikanische Flagge? Oder in die man vielmehr bei Bedarf aus politischem Kalkül eingewickelt werden kann, ohne sich jemals wieder selbsttätig daraus befreien zu können? Wem nützt die Verwendung des Begriffes „Migrationshintergrund“? Warum wird er auch noch bei Jenen erwähnt, die bereits in 2. und 3. Generation hier leben? Wie viele migrations-freie Vorfahren-Generationen muss man aufweisen können, um seinen eigenen Migrationshintergrund löschen zu dürfen, um sich als „Österreicher ohne Migrationshintergrund“ bezeichnen zu dürfen“? Ist der Migrationshintergrund eine tragbare Blue-Box, auf die von Jedem jegliche, auch noch so perverse, Fantasie projiziert werden kann und wohl auch soll, vor allem von Denen, die keinerlei Befugnis und Berechtigung dafür aufweisen, weder fachlich noch moralisch? Von mangelnder Fantasie, Kreativität, Bildung, Emphase… fangen wir an dieser Stelle gar nicht zu reden an. Ich selbst lerne seit 3 Jahren Kroatisch, um mich in meiner 2. Heimat mit den NachbarInnen verständigen zu können, und ich bin stolz über jeden Fortschritt und freue mich über jede gelungene Kommunikation. Im Boxclub, in den wenigen Wartepausen, in der Garderobe, unter der Dusche, versuche ich mein Kroatisch anzuwenden, ich rede kroatisch mit einem Serben, der Serbe sagt „Hrvat“ (Kroate) zu mir, ich sage „Srb“(Serbe) zu ihm, er sagt, er sei gar kein Serbe, er wohnt seit seiner Kindheit in Österreich, ich sage, ich bin kein Kroate…. egal, dann sind wir halt beide Jugo oder Ex-Jugo… Dann lachen wir und boxen die balkanesische Versöhnung. Unter der Dusche singen wir gemeinsam Peter Alexanders Lied „Frühling“, eine Cover-Version des Songs „Feelings“ (Morris Albert/ Loulou Gasté), ich improvisiere daraufhin die Jugo- oder Ex-Jugo-Version „Proljece“ und dann krümmen wir uns vor Lachen (weiterhin unter der Dusche). „Migrationshintergrund“ hihi… Unser Trainer ist Balkanese (ich weiss gar nicht woher, ist ja egal), der Co-Trainer hat afrikanischen Migrationshintergrund, unter den KollegInnen sind Albaner, Serben, Türken, Tschetschenen, Piefke und was weiss ich noch… „Migrationshintergrund…“ Was? Wozu? Wieder die Frage, „Wem ist damit geholfen, wer profitiert, wessen Aktien steigen“? Die Frage „Wem wird dadurch Schaden zugefügt?“ geht dabei unter. Würden wir die Wände im Boxclub mit all den Migrationshintergründen austapezieren, käme ein bunter Fleckerlteppich und somit die Welt raus, wie sie ist. Das wäre schön. Wer hat damit Probleme und vor allem warum? Mir fällt hier ein junges Talent im Bereich Klangkunst ein „The Artist formerly known as HC“, den ich gerne einladen würde, mit uns gemeinsam unter der Dusche „Frühling“ zu singen und sich gemeinsam halbtot zu lachen über all den unnötigen Blödsinn, der hier verzapft wird. Stattdessen spielt dieser selbsternannte Klangkünstler der aufmerksamen Öffentlichkeit todernst, ohne sich jemals der Komik seiner Medienperformance bewusst zu werden, angeblich manipulierte ORF-Bänder vor, die klingen wie die verworfenen ersten Entwürfe zu KH Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ overdubbed mit Walgesängen. Lieber HC und Konsorten, kommt zu uns in den Boxclub, boxen wir die Versöhnung, singen wir gemeinsam Peter Alexander, bezeichnen wir uns gegenseitig als Jugo, Schwabo, Piefke und vergessen wir den bierernsten Nicht-Migrations-Vordergrund, vor dem erst sowas wie der vielzitierte -Hintergrund entstehen kann. Würde in der Politik, am Stammtisch und auch sonstwo… die Unaufmerksamkeit und das Unvermögen bei gleichzeitig aggressivem Verhalten ebenso unmittelbar und unmissverständlich beantwortet werden wie im Boxsport… Na servas Kaiser! „Immer locker bleiben“, in den Hüften und vor Allem in den Regionen darüber, die ursprünglich für das Mit-Empfinden (Herz) und das Mit-Denken (Hirn) konfiguriert wurden. Ich freue mich jeden Montag und Donnerstag auf das Boxtraining: „Feelings, Frühling, Proljece…“

Klaus Karlbauer ist Komponist, Multimediakünstler, Pamphletist und Lehrbeauftragter für Medientheater am TFM (Institut für Theater, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien)

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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