God and your Smartphone are watching you

Was hat der Boom der Smartphone-Industrie mit dem Boom der Kirchenaustritte zu tun?

Von denen Heilsversprechungen und Erlösungs-Sonderangeboten

„Gibt es vielleicht künstliche Paradiese eben deshalb, weil man in der Natur noch keines gefunden hat? (Über Charles Baudelaires „Die künstlichen Paradiese)

Behauptung 1: „Telefonieren macht blöd?“ Oder, „Nur Blöde telefonieren?“

Ich geb’s zu: „Obwohl technik-affin, habe ich beschlossen, den Umstieg auf ein Smartphone auf meine nächste irdische Inkarnation zu verschieben und die ist zumindest fraglich. Hier und jetzt in diesem meinem bis auf Weiteres einzigen Leben mag ich jedenfalls keine Manuals für Mobiltelefone mehr lesen“.
Vor allem mag ich kein Universalgerät in meiner Hosentasche spazieren führen, das täglich zwar ungebeten aber dennoch unerbittlich und vor allem unabhängig Megabytes an Daten von da nach dort schickt. Da ist da wo ich bin, aber wo ist dort? Und WARUM werden Daten verschickt und empfangen, ohne dass ich einen Auftrag dazu erteilt habe. Wer hat dann den Auftrag dazu erteilt wenn nicht ich? Der Clou dabei ist die Tatsache, dass nicht einmal die Smartphones-Hersteller diese Frage nach dem WARUM beantworten können oder wollen.
Sie behaupten: Sie wissen es auch nicht. Ich geb’s zu: Ich glaub das nicht.
Und ich mag auch kein Gerät besitzen, an dem unzählige Funktionen deaktiviert werden müssen bevor man sich traut, in den eigenen vier Wänden nackt warm zu duschen, ohne am nächsten Tag als stadtbekannter Warm-Duscher von Installationsfirmen Angebote für eine Gas-Thermen-Wartung zu bekommen, von den Angeboten für die Verlängerung und/ oder Veränderung diverser Körperteile gar nicht zu reden. Ich geb’s zu: Ich mag das nicht.
Gott sei Dank steht Steve Ballmer dem durchschlagenden Erfolg seiner Mobil-Gerätschaften nachhaltig und ebenso unerbittlich im Weg. Warum sagt ihm niemand, dass er als Person der ultimative Anti-Werbeträger seiner Produkte ist? Oder vielleicht ist er es eben auch nicht, vielleicht ist er schlauer als ich. Ganz sicher ist er es! Sein Kleidungs-Stil in Kombination mit der Erwin-Pröll-Frisur ist natürlich unschlagbar und bildet die exemplarische Corporate Identity mit der Attraktivität seiner Produkte. Ich geb’s zu: Ich freue mich jedes Mal wieder darauf, welchen farbenfrohen Pullunder er als Nächstes über sein hellblaues Hemd anziehen wird.

Behauptung 2: „Religion ist Opium fürs Volk“

Für die Umnebelung des Hausverstandes brauchen wir hierzulande keine Religion mehr. Der bestehende Opiumbedarf wird durch Lieferungen aus Afghanistan gedeckt. Warum können all die Hunderttausenden Soldaten aus aller Herren Länder Produktion und Handel von Drogen aus Afghanistan (und sonst woher) eigentlich nicht abstellen? Jeder auch noch so kleine afghanische Flüchtling wird gefunden wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen und mit enormen Aufwand wieder abgeschoben, aber warum findet niemand die gigantischen Mohnfelder in Afghanistan, warum lässt man die warlords Millarden und Abermilliarden Dollar damit verdienen? „De-Stabilisierung um jeden Preis“ als globale Strategie? Ich geb’s zu: „Ich versteh’s nicht“.
Dass Religion überhaupt jemals Opium für irgendjemanden sein konnte, bedeutet, den Gedankengang Karl Marxens folgend, einerseits, dass Religion entweder verblödet (genau so wie das Telefonieren) oder dass nur Blöde an Gott glauben.
Dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, in Österreich unlängst nach Bekanntwerden der kirchlichen Missbrauchsfälle ca. 90.000, lässt nun verschiedene Deutungen zu:
Erstens: Die Menschheit ist klüger geworden, gebildeter, lässt sich weniger „für blöd verkaufen“. „Pisa-Test Nein Danke“ und „Jetzt erst Recht“, zwei mächtige Instrumente der österreichischen Gesinnung fusionieren hier zu einer Allianz mit geradezu alttestamentarischer Wucht.
Zweitens: Die Menschen haben eine Ersatzreligion gefunden: Die Smartphonologie. Oder aber sie haben eine Zweit-Religion gefunden. In den, nach Ethno-Marketing-Prinzipien designten Smartphone-Worlds ausserhalb des Wiener Gürtels ist eine steigende Anzahl kopftuchtragender Smartphonologistinnen zu beobachten. Fazit: Auch der Islam schützt vor Torheit nicht.
Drittens: Die Menschen haben vor lauter Telefonieren keine Zeit mehr, um an Gott zu glauben. Und die Kirchensteuer muss eingespart werden für die Bezahlung der Mobiltelefon-Gesprächsgebühren. Der auf Kredit finanzierte Eintritt ins katholische Paradies wird eingetauscht gegen den, ebenfalls auf Kredit finanzierten Erwerb des aktuellen iPhones X. A propos, dürfen Moslems eigentlich auch aus der Kirche austreten? Ich mein, so einfach „mir nichts dir nichts“?
Beide Erlösungs-Angebote, Religion und Smartphonologie, versprechen viel, verheimlichen jedoch mehr als sie verraten:
A) „Wo bist denn du gerade?“
B) „Wo ich bin, das kann ich dir sagen, ich bin da, aber kannst du mir sagen WARUM“?

Nur keine Angst, keine Frage bleibt unbeantwortet, denn Steve Ballmer, Steve Jobs und der liebe Gott (WARUM heisst der eigentlich nicht Steve?) haben Aug und Ohr auf dich geworfen. Du bist niemals mehr allein.

Deutlich lieber führ ich mein fiktives Hunderl im selbstgetrickten Ballmer’schen Pullunder Gacki… äh, Gassi als dass ich von meinem ebenfalls fiktiven Smartphone, egal welcher Provenienz, Gacki… äh, Gassi geführt werde und dabei gleichzeitig noch an der Nase herum, genauso wenig wie von der Kirche, auch egal welcher Provenienz. Stattdessen glaub ich lieber in aller Ruhe an den lieben Gott (auch wenn er Steve heissen sollte), denn lieb sollte er schon sein zu denen, die noch an ihn glauben. Amen.

Klaus Karlbauer – Multimediakünstler, lebt in Wien und auf einer Insel im Mittelmer

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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4 Antworten zu God and your Smartphone are watching you

  1. rainer schreibt:

    auch wenn ich dir inhaltlich nicht immer zustimme, so schreibst du derart eloquent, dass ich geneigt bin, dir doch zu folgen. was ja genau nicht in deinem sinne wäre. oder karlbauerblog opium fürs blogvolk?

  2. Klaus Karlbauer schreibt:

    Auch ich folge mir nicht immer, aber freue mich, dass du mir dabei folgst 🙂
    liebe Grüße

  3. werner birnstingl schreibt:

    @ smartphone:
    wie du siehst, bin ich schon mit dem ersten zeichen als moderner it-fan entlarvt. so bin ich es auch mit den uns verblödenden smarten mobilphones. es ist einfach toll, termine, kontakte, nachrichten von freunden u. verwandten, fotoerinnerungen und auch newsletter oder blogs wie obiger in einem gerät in der tasche zu haben. damit ich nicht auf der watch-list vieler seriöser oder zwielichtiger möchtegerns bin, werden nur entsprechende apps aktiviert oder als attribut zu genannten annnehmlichkeiten „zeitaufwendig“ gelöscht. ich schätze mein smartphone als kleinen meilenstein in der menschlichen entwicklungsgeschichte.

    @ Religion(r.k.):
    die menschen sind nicht gescheiter geworden, um aus der kirche auszutreten. es genügt der normale hausverstand, um sich dem mittelalterlichen gehabe des vatikans und zweigstellen zu entziehen. jene, die verleiben, geben unwissend der kirche die chance sich zu verändern, oder auch nicht?….

    • Klaus Karlbauer schreibt:

      @ smartphone: Ich übertreibe, wie immer, aber wie jeder Meilenstein hat auch dieser seine Schattenseite (n) und da stochere ich natürlich mit Vorliebe herum 🙂 Mein Gedächtnis ist mein persönliches Multimedia-Archiv, mein biologischer Datenspeicher, gleichsam mein inneres Buch, Kino, Konzertsaal… Aber ich geb’s zu, ich bin auch ein absoluter Fan der Elektro-Post & Co aber solange es geht, versuche ich diesbez. meine Grenzen zu definieren und mag’s gar nicht, wenn Andere dieselben ignorieren.

      @Religion: Ein Jammertal!

      @jene, die ver(b)leiben, geben unwissend der kirche die chance sich zu verändern, oder auch nicht?…. EHER ZWEITERES!

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