In diesen heil’gen Hallen (herrscht die Anti-Kunst)

Unlängst erwachte ich schweissüberströmt aus einem Alptraum mit der markerschütternden Frage auf den Lippen: „Was macht den Opernball zum Künstlerball“? Wer hat dieses Gerücht in die Welt gesetzt? Obwohl ich Joseph Beuys‘ „Jeder ist ein Künstler – Postulat“ grundsätzlich gerne befürworten würde… Wenn der Opernball ein Künstlerball ist, dann lege ich meine Künstlerschaft mit sofortiger Wirkung für alle Ewigkeiten zurück und ermuntere auch alle Künstler-KollegInnen, es mir gleich zu tun. Denn der Opernball signalisiert nichts deutlicher und unmissverständlicher als die totale Abwesenheit von Kunst. Der Opernball ist das Synonym für Anti-Kunst.

„Warum“, fragen Sie?

1. Das,was in der Staatsoper allabendlich stattfindet, ist schon an und für sich selten Kunst sondern meist Kunsthandwerk gepaart mit Spitzensport. Die Leute, die am Abend der Abende das Opernhaus am Ring bevölkern, sind noch weniger Künstler als die, die dort an normalen Arbeitstagen zugegen sind. Aufgrund der Besucherstatistik sollte man den Opernball eher wie folgt bezeichnen:

MinisterInnen-Ball
MinistrantInnen-Ball
DirektorInnen-Ball
DiktatorInnen-Ball (Wie gering doch der Unterschied ist!)
BaumeisterInnen-Ball
NuttInnen-Ball (Oh ja, es gibt auch männliche Sex-Arbeiter)
Quoten-Ball (Die Quoten bleiben weiblich)

Alles, nur bitte nicht „Künstlerball“. Würden sich nämlich tatsächlich mehrheitlich KünstlerInnen im Hause tummeln, dann wäre das dem österreichischen Staatsfernsehen keine Übertragung wert.
Nutten? Ja Bitte! Aber mehr als Decollete zeigen? Nein Danke! Echte Exzesse sind verboten, was bei einer hohen KünstlerInnen-Dichte unter den Ball-BesucherInnen keinesfalls garantiert wäre.
Der italienische Ministerpräsident steht gerade vor Gericht wegen Sex mit einer Minderjährigen. Österreich wartet bauernschlau ab, bis dieselbe volljährig geworden ist, wo dann all das erlaubt ist, was noch einen Tag vorher bei Strafe verboten war.

2. Nein, Baumeister Lugner ist kein Opernball-Anarchist, wie es in einem Kommentar behauptet wurde.

Baumeister Lugner ist die radikalste Fleischwerdung eines allgemein akzeptierten maßlosen Strebens nach Aufmerksamkeit und deren Umwandlung in wirtschaftlichen Profit. Das Wort Achtung existiert im Lugner’schen Kosmos schlichtweg nicht, sich selbst gegenüber nicht und Anderen gegenüber schon gar nicht. Dass die junge Marokkanerin als Kind von männlichen Anverwandten vergewaltigt wurde spielt in diesem speziellen Fall genauso wenig eine Rolle,wie die einfache Frage „Wie und womit erwirtschaftest du Deinen Gewinn?“. Hier potenzieren sich Lugner’sche Schamlosigkeit mit Berlusconis Obszönität zum universell gültigen kategorischen Imperativ: „Handle so, dass jede deiner Handlungen Profit erzeugt, egal wie“. In Befolgung dieses Prinzips wird in Serie ausgebeutet, missbraucht, unterdrückt, vergewaltigt, Diktatoren der Stabilität wegen gestützt …
Die Gäste des Künstlerballes gucken angeheitert ins Decollete der jungen Frau, und die ÖsterreichInnen aller Stände und Klassen gucken auch via Flat-Screen ins Decollete der jungen Frau, mehr oder weniger dreist, auf keinen Fall lassen sie sich jedoch ihr Staatsfernsehen „anbrunzen“ (sic. Alexander Wrabetz), nur weil Nahaufnahmen eines schönen Dekolleté gesendet werden. Würde man all die Altherrenwitze, die sich in den diversen Künstler-Logen, -Ecken und -Winkeln am Ball der Bälle in der Künstler-Oper gegenseitig zugeraunt werden, mittels Mikrofonen verstärken… Ein schönes Soundscape hätten wir da! Neues Material für Kabarettisten nach dem durchschlagenden Erfolg der „Supernackt-Telefon-Protokoll-Lesungen“.
Man könnte danach, profit-technisch folgerichtig, unter den prognostizierten Flüchtlingen aus Nordafrika Ausschau halten nach weiteren schönen, gerade volljährig gewordenen Frauen, dieselben dem italienischen Noch-Ministerpräsident über seine schöne Zahntechnikerin vermitteln, um dadurch den Marktwert der Frauen zu erhöhen und alle Künstler-Bälle und Künstler-Neujahrkonzerte unseres Künstler-Heimatlandes wären für die nächsten Jahrzehnte mit Gast-Künstlerinnen versorgt.

„Man sollte ein Museum aus diesem Land machen. Die Bewohner sollten von aller ernsthaften Arbeit befreit und vom Staat ernährt werden. Die einzige Verpflichtung sollte darin bestehen, daß sie ihre Türen nicht versperren dürfen. Und Menschen aus Westafrika oder Südamerika, die können hierherkommen und hineinschauen in die Häuser und sehen, aha, so hat man früher gelebt.“ (Oswald Wiener, Die Verbesserung Mitteleuropas)

Diejenigen, die am Tag der Tage unter dem Künstler-Deckmäntelchen durch die heil’gen Hallen stolzieren und stolpern kommen dieser Utopie bereits relativ nahe, vor Allem dann, wenn sie zu nach-mitternächtlicher Stunde als universeller Künstlerchor , leicht stammelnd zwar aber dennoch im Innersten be- und gerührt, Sarastros Arie aus Mozarts Zauberflöte intonieren:

In diesen heil’gen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
und ist ein Mensch gefallen,
führt Liebe hin zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh ins beßre Land.
In diesen heil’gen Mauern,
Wo Mensch den Menschen liebt,
kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreun,
Verdienet nicht, ein Mensch zu sein.

Genau das war mein Alptraum, und seither traue ich mich nicht mehr, die Augen zu schließen und einzuschlafen.

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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6 Antworten zu In diesen heil’gen Hallen (herrscht die Anti-Kunst)

  1. guenther auer schreibt:

    sehr geehrter herr karlbauer, lieber aldi,

    dein artikel lässt folgendes schlussfolgern:
    ein künstler verhält sich anders als lugner und konsorten.
    ein künstler hat exzessiv zu sein, er starrt aber nicht (und nicht mal angeheitert) in die dekolletes anderer.
    ein künstler hat nicht um aufmerksamkeit zu streben, schon gar nicht maßlos.
    einen künstler hat seinen nächsten zu achten, ist weder schamlos noch obszön.
    ein künstler hat keine schmutzigen witze zu erzählen.

    ist ein künstler dann so wie der peter alexander?

    ;o)

  2. M.Rauters schreibt:

    Karl Bauer ist ein Antikünstler oder besser ausgedrückt ein Kunstbetrüger

    Hier ist die Erklärung dazu:
    http://www.forum.artring.net/viewtopic.php?id=2700
    http://www.forum.artring.net/viewtopic.php?id=2558
    http://www.forum.artring.net/viewtopic.php?id=2313
    und vieles mehr

    viel Spass beim provoziert sein

  3. M.Rauters schreibt:

    in erster Linie verarscht du dich doch selbst!
    Du wirst sterben, ohne gewusst zu haben was Kunst war!

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