Ein Lob der Eigenbrötlerei

Im Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm wird der Eigenbrötler ohne nähere Erläuterung mit „qui rem familiarem ipse curat“ (jemand, der sich selbst um den Hausstand kümmert) definiert. In der Schweiz ist der Ausdruck Eigenbrötler weit verbreitet und bezeichnet ohne pejorativen Beiklang einen Menschen, der gerne seine Ruhe hat und für sich sein will (Wikipedia)

Wo beginnt Eigenbrötlerei? Indem man sich weigert, Teil des Mainstreams zu sein? Ist jegliche individuell erbrachte Höchstleistung in Kunst, Wissenschaft und Spitzensport somit Eigenbrötlerei? Wird Eigenbrötlerei mit Eigensinn, Eigenwilligkeit, Eigenständigkeit gleich gesetzt oder werden hier nuancierte Abstufungen gemacht?

Als Versuch einer Antwort auf diese Fragen drängen sich mir Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Zeiten auf. In meinem Herkunfts-Bundesland Kärnten werden Menschen als „eigen“ bezeichnet, über deren Einstufung und Bewertung in der Allgemeinheit noch kein Konsens herrscht. Mit Betonung auf das „noch“, denn dieses „noch“ hat einen Hang zur Beständigkeit: „Einmal eigen – immer eigen“. Es wurde somit noch kein endgültiges Urteil über die betreffende Person gesprochen. Dieses „eigen“ ist noch in Schwebe, hat somit das Potential sowohl in eine günstige als auch in eine ungünstige Deutungsvariante zu kippen. Je nach Bedarf. Je nachdem woher der Wind gerade weht. Der oder die Betroffene steht unter Beobachtung. Skepsis ist in jedem Fall angebracht. Wird aus besagter Person Etwas im Sinne aufmerksamkeits-ökonomischer Relevanz, raunt der Volksmund „man habe es eh schon immer gewusst, denn er/ sie sei ja wirklich immer schon eigen gewesen“. Unabhängig davon, ob etwas Gutes oder Schlechtes daraus wird, „eigen“ ist ein Synonym für „verdächtig“. Hierzulande kann man mit diesem Etikett jedoch durchaus einigermaßen unbeschadet  an Leib und Leben durchkommen.In China offenbar nicht. Alle Erklärungen der chinesischen Regierung sind in ihrem Selbstverständnis und ihrer Selbstverständlichkeit umso erschreckender, da anzunehmen ist, dass die handelnden Vertreter des Systems  tatsächlich an das glauben, was sie in dieser Sache veröffentlichen (lassen). Wer den Artikel (West’s support of Ai Weiwei abnormal ) vor einer Woche in der chinesischen „Global Times“ gelesen hat spürt förmlich die Empörung der Regierung darüber, dass ein Eigenbrötler („Maverick“ sic.) wie Ai Wei Wei es wagt, sich dem mächtigen Strom des chinesischen Wirtschaftswunder in den Weg zu stellen. Eine Tatsache, die eher darauf verweist, dass dieser Strom vielleicht doch nicht so allmächtig ist. Es handelt sich hierbei nicht nur um ein demagogisch-taktisches Geplänkel. Die chinesischen Autoritäten fühlen sich in ihren tiefsten Überzeugungen zutiefst verletzt. Ai Weiwei ist als Künstlerpersönlichkeit prominent, sein Werk ist am Kunstmarkt ökonomisch relevant. Ai Weiwei nützt diese Position für hartnäckige Kritik an einem Regime, das Wirtschaftswachstum über Alles andere stellt in einer Zeit wo sich berechtigte Kritik an eben diesem System zu regen beginnt. Mit der Durchsetzung seines Weges etabliert China natürlich auch die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht wird. Absolutistische Strategien werden dadurch wieder salonfähig und entwickeln eine fatale Vorbild-Wirkung. Jemanden aufgrund seiner „Eigenheit“ zu verhaften und im Nachhinein Argumente für diese Verhaftung zu liefern erinnert an Zeiten, an die wir uns nicht so gerne erinnern wollen, allerdings tagtäglich erinnert werden sollten. „Anders zu sein“ als entsprechende Bezeichnung für „eigen zu sein“ kann nicht als Argument ausreichen, um bei Bedarf aus dem Verkehr gezogen zu werden.

Wenn überhaupt Abstufungen zwischen Eigenbrötlerei, Eigensinn, Eigenwilligkeit, Eigenständigkeit gemacht werden, dann ganz sicher anlass- und bedarfsorientiert aus der Sicht der jeweils herrschenden Interessensgruppen.
Das sollte uns (nicht nur als Künstler) zu denken geben und wachsam sein lassen.

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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