„Ich habe geklaut“ – Eine Beichte aus gegebenem Anlass

Dieser Text bezieht sich auf die Aktion „Kunst hat Recht“ und wurde verfasst als Nachtrag zu meiner Lehrveranstaltung „Ich habe geklaut“ Sampling-Mix-Remix am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (TFM) der Universität Wien

Ich gestehe hiermit meine Schuld, tagtäglich im Zuge meiner künstlerischen Arbeit zu klauen. Und folgerichtig habe ich das Zitat „Ich habe geklaut“ ebenfalls geklaut und zwar vom verstorbenen Großmeister des Klauens Christof Schlingensief, der in seinem letzten Interview im Magazin Spex (Ausgabe #328) meinte: „Ich habe geklaut. Das ist im Theater einfach Praxis.“

Im aktuellen Wintersemester hielt ich an der Universität Wien 13 Vorlesungen zu diesem Thema. Der Titel der Lehrveranstaltung lautete: „Ich habe geklaut – Sampling Mix Remix“, der Untertitel: „Diebstahl oder künstlerische Praxis? Musikalische Kompositionstechniken in Theater, Film und den Neuen Medien“. Weitere Details zu dieser Lehrveranstaltung sind auf der Homepage der Universität Wien, Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften (TFM) nachzulesen.
Das Interesse der Studierenden war groß, sie erschienen so zahlreich, dass die Vorlesung in einen größeren Hörsaal verlegt werden musste. Warum? Weil die besprochenen Methoden sehr viel mit den Erfahrungswelten einer Generation zu tun haben, die sich in einem evolutionären Fortschritt vom Consumer zum Prosumer befindet. Die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewegen sich in einem globalen multimedialen Referenzsystem wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Erzählt wird mittels Querverweisen, mittels Links, „Weisst eh, der da sieht aus wie in dem Film X und spricht wie die in dem Buch Y…“ Und die Musik dazu wird gleich selbst gemacht und klingt dann wie eine Mischung aus der Band Z und ZZ Top.
Das Mash-Up hat Einzug gehalten in die alltägliche Kommunikation und Interaktion. Personalisierung und Identitätskonstruktion finden statt über individuelle Vorlieben- und Marken-Mixes, Derivate des klassischen Samplings. Zeitgenössische Kunstproduktion wäre ohne Sampling undenkbar. Christian Marclay, der dieses Jahr den Preis der Biennale in Venedig erhielt, montierte die 24-stündige Filminstallation „Clock“, in der jede Minute des Tages durch ein Zitat aus einem anderen Film repräsentiert wird, ausschließlich aus Fremdmaterial. Geniestreich oder Diebstahl?
Die Prosumer – Generation gibt sich nicht zufrieden damit, passiv und widerspruchslos zu konsumieren. Man will eingreifen, mitgestalten, kommentieren, umbauen, remixen etc. Und die Technologie dafür ist auf jedem Laptop, iPad, Smartphone oder in der Cloud vorhanden. YouTube & Co bieten Tools zur Mitgestaltung an, und es macht Spass, damit zu spielen. Ich habe in meiner Vorlesung angeregt, anstelle einer Prüfung Arbeiten unter Verwendung dieser Techniken zu erstellen und die Resultate waren so mannigfaltig wie erfreulich: Covers, Remixes, Mash-Ups, „Short Fucking Versions“ von Filmen wie „Departed“, „Swedes“ von Filmen wie „Titanic“, Rekonstruktionen und Dekonstruktionen von Texten… Alles Arbeiten mit geklautem Material. Und…? „What’s the Problem?“ Diese jungen Leute kaufen dennoch CDs, Bücher, Konzertkarten, gehen ins Theater und in Ausstellungen. Vor allem aber sind sie selbst produktiv. Durch deren Wandel vom Consumer zum Prosumer wird kein einziger Künstler ins Prekariat gedrängt. Hier geht es in erster Linie um den Spass an der Freude. Und sollten manche unter ihnen durch diesen spielerischen Zugang zu einem eigenen, unverwechselbaren Ausdruck finden? Meinen Segen haben sie allemal.
Insofern verwehre ich mich dagegen, das Internet als das technifizierte Böse anzusehen. Ich persönlich fühle mich durch die Aktion „Kunst hat Recht“ nicht repräsentiert. Ich fühle mich weder durch den Titel der Aktion, noch durch die totale Humorlosigkeit des Auftrittes noch durch die handelnden ProtagonistInnen in meinen Bedürfnissen verstanden und wahrgenommen. Es ist Teil meines Selbstverständnisses als Künstler, mich ständig zu hinterfragen, mich neu zu positionieren, updaten, upgraden anstatt beleidigt auf erworbenes Recht zu pochen. Selbstverständlich muss bezahlt werden, wo „Geld im Spiel“ ist, wo Umsätze gemacht werden. Mit drakonischen Strafen sollte aber zu aller erst gegen jene vorgegangen werden, die uns in unserer Existenz als Künstler tatsächlich schaden, und ein Großteil der Urheberrechtsverletzungen findet in klassischen Geschäftszweigen jenseits des Internets statt, dort, wo nach wie vor ein Großteil des Umsatzes mit Kunst und Kreativleistungen gemacht wird.

Ich gestehe auch, langjähriges Mitglied der AKM, der Austro Mechana und der VBK zu sein. Und ich fühle mich von diesen Institutionen und ihren MitarbeiterInnen in ihren Kernbereichen sehr gut vertreten. Ich habe diese Institutionen auch schon wiederholt in Urheberrechtsfragen konsultiert und in diesbezüglichen Konflikten kompetenten Rat und tatkräftige Unterstützung erhalten.

Abschließend sind 3 Beispiele aus meiner persönlichen Berufserfahrung erwähnt, die mich als freischaffender Künstler tatsächlich geschädigt und/ oder in meiner Existenz bedroht haben:

1) Auftragsarbeiten im Bereich Kreativwirtschaft/ Landesausstellungen/Themenparks: Hier wurde ich wiederholt gedrängt, Verträge zu unterschreiben, in denen ich explizit darauf verzichten sollte, meinen musikalischen Anteil des Auftrages der AKM zu melden (Belege liegen vor und waren auch schon Thema von Rechtsverfahren). Meine Kontrahenten waren KulturmanagerInnen im öffentlichen Dienst.

2) Die Änderung von bereits abgeschlossenen und vom Auftraggeber einstimmig abgenommenen Auftragsarbeiten im Bereich der Kreativwirtschaft. Ich habe gegen, nachträglich ohne mein Einverständnis durchgeführte, Änderungen an einer meiner Multimedia-Installationen Einspruch erhoben und wurde daraufhin mit einer Klage im 6-stelligen Euro-Bereich konfrontiert. Meine Kontrahenten waren ein Konsortium der öffentlichen Hand (Land, Gemeinde) sowie Banken und Investoren.

3) „Sich mit fremden Federn schmücken“ oder „Copyright grabbing“. Aktuell versuchen ehemalige Auftragsgeber meine künstlerischen Beitrage (und die eines Partners) zu Auftragsarbeiten im Bereich der Kreativwirtschaft in einer Publikation als die ihren auszugeben. Die Kontrahenten sind wohlgemerkt selbst Kreative und keine „Piraten“ auch keine Mitglieder von „Anonymous“ oder „Occupy Wall Street“!

Wahrend der Arbeit an diesem Text erhielt ich per Mail einen Aufruf, eine Petition gegen das ACTA Gesetz zu unterschreiben, dass wieder einmal versucht, die freie Meinungsäußerung im Internet zu beeinträchtigen. Diese Petition werde ich unterschreiben. Und ich freue mich weiterhin über jede BesucherIn meiner Musik, Videos, Texte, die frei im Internet zugänglich sind. Ein Kommentar als symbolischer Ausdruck einer Wertschätzung ist mir jederzeit willkommen 🙂

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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4 Antworten zu „Ich habe geklaut“ – Eine Beichte aus gegebenem Anlass

  1. Philipp schreibt:

    hands down on this

  2. Klaus Karlbauer schreibt:

    Und es hat sich ausgezahlt, Einspruch gegen ACTA zu erheben: http://oe1.orf.at/artikel/298291
    🙂

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