Die (Un-) Möglichkeit einer Insel

Diese Mail habe ich zwar schon im vergangenen Sommer geschrieben aber nach nochmaligem Lesen mit angemessenem zeitlichen Abstand bestätigt sich die zeitlose Relevanz der darin besprochenen Themen ebenso eindrucks- wie grauenvoll.

Die Zitate aus Robert Woelfls Text „Management des großen Gefühls, zu Tristan und Isolde“  sind kursiv gesetzt.

Lieber Robert,

ich hatte hier auf der Insel eine Zeitlang keine Internet-Anbindung, daher erst jetzt ein paar spontane Anmerkungen zu Deinem sehr schönen Text:

So viele Stockwerke die höchsten Häuser haben, so viele Jahre haben wir vor uns. Das heißt natürlich, Karrierejahre. Theoretisch kann man bis ins oberste Stockwerk gelangen.

Theoretisch Ja, praktisch eher Nein als Ja, denn bis wir oben sind, während wir uns im Aufstieg verausgaben, verbrauchen, wird aufgestockt, werden klammheimlich Stockwerke draufgesetzt auf’s Dach (wie in Pristhina – „Prishtina is everywhere“ – wo auf den Dächern von Wohnbauten über Nacht Einfamilienhäuser errichtet werden). Dies nur zu dem Zweck, dass der Aufstiegswillige niemals ganz oben ankommen kann. Was ist eigentlich mit den Aufstiegsunwilligen? Bleiben die ihr Leben lang im Keller oder geht es nach unten auch immer weiter? So eine Art Negativstadt wie in Metropolis? Da baut dann der Erwin Wurm seine Häuser kopfunter drunter.

Wir wollen verwandelt werden, aber nur für kurz. Wir wollen eine Verwandlung mit eindeutigem Anfang und Ende.

Das ist es ja, der Wunsch nach einem eindeutigen Anfang und Ende, der letztlich Alles scheitern lässt, weil er es verhindert, dass überhaupt mit etwas begonnen wird, dessen Ausgang ungewiss ist, was ja nichts anderes ist als eine Umschreibung des altmodischen Wortes Abenteuer, sich nämlich auf den Weg zu machen, ohne ganz genau zu wissen…

Mir fällt dazu eine biografische Notiz ein, die ich in den frühen 80ern so formulierte: „Ich gehe mit einer auf Nichts gegründeten Selbstsicherheit auf ein mir unbekanntes Ziel zu“

Ich brauche die Gefahr, aber die Gefahr muss überschaubar sein, nicht zu groß darf es sein, das Meer, nicht unendlich groß, nicht unendlich tief, nicht unendlich blau.

Man möchte Alles haben und Nichts dafür bezahlen. Dass man für Nichts nicht besonders viel bekommt, dass ist sogar jedem Adepten der „Geiz ist Geil – Philosophie“ klar, also muss das „Alles“ als „nicht besonders viel“ definiert werden, sonst könnte man es ja gar nicht bekommen und die Frustration wäre vorprogrammiert.  Und so wird halt Alles immer weniger, immer mickriger… Der Romantiker in mir schreit, Geben kommt vor Nehmen!!! Der Vater in mir sagt, erklär das deinen pubertierenden Kindern.

Besser ein geborgtes aber großes Gefühl als ein kleines. So viel Diebstahl darf sein. Das heißt, wir haben ja eigentlich dafür bezahlt. Wir haben für jeden einzelnen Musiktitel bezahlt. Schon lange im voraus.

Niemand zahlt mehr für Musik, Gefühle werden illegal downgeloaded, aber sie funktionieren immer noch irgendwie… scheinbar. Und wieder muckt der nörglerische Romantiker in mir auf : Ich weiss nicht, ob das gut gehen wird?
Das Leben meiner Tochter ist ein einziger Soundtrack, ein ewiges Weiterspinnen von Soundtracks, die unendliche Melodei. Richard Wagner hätte seine helle Freude daran gehabt. Aber umsonst muss es schon sein. Geld wird ausgegeben für andere Dinge, Gefühle sind wichtig aber gratis!

Wir aber werden fern voneinander sterben, getrennt, in getrenntesten Betten in getrenntesten Krankenhäusern in getrenntesten Städten.

Auch der Tod ist gratis, aber nur für die Sterbenden. Die, die weiterleben, müssen dafür bezahlen, für die Betten, die Maschinen, die Krankenschwestern, die Nachttischlamperln, die Geliebte des Herrn Primarius……
Irgendjemand zahlt immer die Rechnung, auch wenn die individuelle und die kollektive Verschleierung zu einem neuen Volkssport geworden ist (nicht nur in Griechenland), um Ursachen und Wirkungen maximal voneinander zu entkoppeln, zeitlich und räumlich, argumentativ und rechtlich.
Aus basta, sagt der Romantiker, die Leute heutzutage sind zu feige zum leben, lieben und sterben! Sie glauben, sich aus der Affäre ziehen zu können, indem sie von Allem ein bisserl  weniger wollen, das dafür aber gratis und sicher, auf dass der Tod sie übersehe… Tut der Tod aber nicht, tut er ganz sicher nicht, er steht nämlich am Ende einer jeden Geschichte wie das Amen im Gebet. Seine Geschäfte laufen gut und benötigen auch kein Management, keine Organisation. Er ist der Einzige, der keinen erfolgreichen Verkauf benötigt. Er braucht Nichts und er kann Nichts falsch machen, weil es für ihn Nichts falschzumachen gibt.

Einzig Sisyphos gelang es, den Tod für 2 Tage gefangenzunehmen, was ihm den Zorn des Kriegsgottes Ares einbrachte, weil der in dieser Zeit niemanden massakrieren konnte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte!
(Ein wenig davon gibt es in meinem Film Sisy’s Fuß zu sehen)

Ich habe vor, Houllebecq’s „Die Möglichkeit einer Insel“ zu lesen, wenn meine Tochter mit dem Buch fertig ist, die sich beim Lesen desselben schief lacht. Die ultimative Inselliteratur!?

Liebe Grüße von der Insel

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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Eine Antwort zu Die (Un-) Möglichkeit einer Insel

  1. rosivita schreibt:

    doch nobelpreisverdächtig ganz tief drin, nur wer liebt kann verstehen, erkennen! oder so ähnlich sagt der paracelsus!
    der kleine einzeller sitzt scheinbar am balkon und schreit und drinkt a glas bier!

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