„Mich soll der Staat erhalten“! Ein Gedanken- und Rechen-Experiment

Nein, diese (Auf-) Forderung stammt nicht von Karlheinz Essl sondern von dem österreichischen Komponisten Franz Schubert. Beide haben bzw. hatten mit Kunst zu tun, aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit der beiden Herren. Das Zitat lautet in der vollständigen Fassung: „Mich soll der Staat erhalten, ich bin für Nichts, als das Komponiren auf die Welt gekommen“. Das würde Karlheinz Essl wohl niemals von sich sagen, allerdings wäre in seinem Falle folgende Variante durchaus vorstellbar: „Mich soll der Staat erhalten, ich bin für Nichts, als das Kunst sammeln auf die Welt gekommen“. 

Ich konzentriere mich auf einen einzigen Aspekt der Causa „Karlheinz Essl will der Republik eine private Kunstsammlung verkaufen, um 4000 Arbeitsplätze zu retten“. Es handelt sich hier nämlich um einen Paradigmenwechsel im Verhältnis Wirtschaft und Kunst. Hier findet, meines Wissens nach, erstmalig der Versuch statt, Arbeitsplätze im Handel mit Hilfe des Verkaufes einer Kunstsammlung zu retten! Üblicherweise sichern Sammler durch den Ankauf von Kunstwerken die „Arbeitsplätze“ von KünstlerInnen und somit deren Überleben.

In der aktuellen öffentlichen Diskussion darüber findet eine verwirrende Vermengung von Themen statt, die nicht notwendigerweise miteinander zu tun haben: Mäzenatentum, Philanthropie, Kunstsinn „Made in Austria“, gesellschaftliche Verantwortung etc. Von unternehmerischen Fehlentscheidungen und gescheiterten Expeditionen in den „Wilden Osten“  ist schon weniger zu hören. Ein Ablenkungsmanöver?

Geht es hier doch einzig und allein darum, die Öffentlichkeit, also uns Alle, in die Pflicht zu nehmen. Mit dem ewig gleichen Killer-Argument, nämlich Arbeitsplätze zu erhalten, sollten wir Alle eine private Sammlung ankaufen, vorbei an allen dafür zuständigen Institutionen und ExpertInnen. Der Verkaufspreis wird mit ca. 89 Millionen Euro beziffert, ein Betrag, der zum Abbau des Schuldenstandes, der mit 1 Milliarde Euro beziffert wird, wohl kaum maßgeblich beitragen kann. Das reicht gerade für Bankzinsen und -spesen. Nein, nicht schon wieder die Banken! Ich verstehe nicht, wie durch eine derartige Transaktion 4000 Arbeitsplätze dauerhaft gesichert werden sollen? 

Daher starte ich an dieser Stelle ein Gedanken- und Rechen-Experiment, um zu beweisen, dass durch einen derartigen Geldbetrag sogar mehr als 4000 Arbeitsplätze zumindest mittelfristig gesichert werden könnten. Man nehme den Betrag von 89 000 000 € und dividiere ihn durch die 12 Monate des Jahres, was 7 416 666,6 € ergibt. Diesen Betrag wiederum dividieren wir durch ein monatliches Mindest-Einkommen von, sagen wir, 1500 €, was die Zahl 4944 ergibt. Diese Zahl entspricht in etwa der Anzahl aller, in Österreich tätigen, KünstlerInnen. Das heisst, man könnte 4944 österreichischen KünstlerInnen ein Jahr lang 1500 € im Monat zahlen, um damit ihre künstlerische Arbeit zu unterstützen und wohl auch zu erleichtern. Ich wage zu behaupten, der Output wäre enorm. Es würden gute Arbeiten entstehen, es würden tolle Arbeiten entstehen, es würden ausserordentliche Arbeiten entstehen, es würden auch schlechte Arbeiten entstehen, macht ja Nichts, manche KünstlerInnen würden ein Jahr lang Nichts tun, endlich einmal sich der Muse hingeben… Vielleicht würde auch jemandem wie Franz Schubert das Leben und die Arbeit erleichtert werden… Wer weiss? Schubert hatte niemals öffentliche Gelder erhalten, aber er hat dem Land Österreich und der ganzen Welt Werke hinterlassen, die er ganz sicher nicht schlechter „komponiret“ hätte, wenn sein (Über-) Leben weniger anstrengend gewesen wäre. Und ein bisserl tagträumen wird man ja wohl noch dürfen. oder?

 

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Über Klaus Karlbauer

Composer, film and performance artist
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2 Antworten zu „Mich soll der Staat erhalten“! Ein Gedanken- und Rechen-Experiment

  1. Papageno schreibt:

    Super! Ganz interessanter Gedankengang!!

  2. ada schreibt:

    Ach Klaus!

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